Ethik

Wer meint, alles zu durchschauen, philosophiert nicht mehr“ ist ein bekanntes Zitat des deutschen Philosophen Karl Jaspers und zugleich einer der kompaktesten Versuche, das Wesen der Philosophie über deren aufklärerische Grundhaltung auf den Punkt zu bringen. Namentlich sind es intellektuelle Tugenden wie Zweifel und Skepsis gegenüber Dogmen und Tabus, Gewohnheiten und Gewissheiten aller Art, die es dem Menschen erlauben, „seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (Kant) entwachsen zu können. Weiterhin klingt in Jaspers Definition das kategorische Staunen an, das jedem Philosophieren zu eigen ist und das in äußerster Konsequenz sogar danach fragt, warum überhaupt etwas ist und „nicht nichts“ (Leibniz, Schelling).

Begreift man dieses kritische Hinterfragen der menschlichen Urteilsfähigkeit zugleich als deren Schärfung und Bildung, wird deutlich, dass die Fächer Ethik und Philosophie in besonderer Weise dem Anspruch humanistischer Bildung verpflichtet sind: Neben der Vermittlung der langen Bildungstradition des Faches steht gleichberechtigt die Schulung methodisch angeleiteten Denkens im Mittelpunkt, was letztlich auf nichts geringeres zielt als auf Souveränität; Souveränität im Denken und Handeln, weil in jeder noch so unvermuteten thematischen Ausschweifung des Faches die Frage nach den leitenden Prinzipien, maßgeblichen Werten und zentralen Begriffen gestellt wird. Das Credo des Fachbereichs könnte somit auch frei nach Sokrates lauten: Ein Leben ohne Selbsterkenntnis ist kein souveränes Leben, selbst wenn dies nur in ein souveränes „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ mündet.

Thematisch sind dem Fach kaum Grenzen gesetzt. Die entlegensten Inhalte können einer philosophischen Betrachtung unterzogen werden. Maßgeblich sind die skizzierten Charakteristika humanistisch-aufklärerischen Denkens. Nichts desto trotz haben sich klassische Teilgebiete der Philosophie herauskristallisiert, die sich in den jeweiligen Rahmenplänen und Unterrichtsmaterialien abbilden.

Dabei stellt das Fach Ethik im umfassendsten Sinne die Frage nach dem guten und gelingendem Leben in den Mittelpunkt und diskutiert diese eingehend in den Themenfeldern Identität und Rolle, Freiheit und Verantwortung, Recht und Gerechtigkeit, Mensch und Gemeinschaft, Pflicht und Gewissen sowie Wissen und Glauben.

Das Fach Philosophie schließlich erweitert die Fragestellungen der Ethik um diejenigen der Metaphysik und Ontologie (Was liegt der Wirklichkeit zugrunde?), der Erkenntnistheorie (Was können wir wissen?), der Anthropologie (Was ist das Wesen des Menschen?), der Sprachphilosophie (Wie verhalten sich Sprache und Wirklichkeit zueinander?) und der Ästhetik (Was ist das Schöne?).

Das Fach Ethik wird ab der siebten bis zur zehnten Klasse zweistündig unterrichtet. Besonders hervorzuheben ist das in der achten Klasse angesiedelte Projekt „Lernen durch Engagement“, eine Lernform, die gesellschaftliches Engagement von SchülerInnen mit fachlichem Lernen verbindet. In der zehnten Klasse sticht schließlich die besondere Profilgebung heraus: Zur systematischen Vorbereitung auf die Inhalte, Methoden und Strukturen des Philosophie-Unterrichts der Oberstufe wird einerseits das logische Argumentieren in den Mittelpunkt gerückt, andererseits können die Schülerinnen und Schüler zwischen inhaltlich unterschiedlich akzentuierten Profilkursen wählen.

Brückenschläge zu anderen Fächern gehören zum Selbstverständnis des Fachbereichs. Ganz gleich ob Sprachen oder Künste, Wissenschaft oder Technik – jedes Fach, jede wissenschaftliche Disziplin kann einer philosophischen Grundlagenklärung unterzogen werden. Das Schulprofil des Goethe-Gymnasium bietet in diesem Zusammenhang besonders viele Anknüpfungspunkte: Schon die Fächerbezeichnungen „Ethik“ und „Philosophie“ verweisen unmittelbar auf die griechische Antike. Zudem sind in der Antike zahlreiche Grundsatzfragen der Philosophie erstmalig formuliert und diskutiert worden – hier helfen die klassischen Sprachen. Die hochtechnisierte Gesellschaft, in der wir alle leben, macht zwar einiges bequemer, fordert den Menschen aber existentiell heraus – hier kommen die Naturwissenschaften zum Zuge. Unsere Identität, unsere Lebensentwürfe stehen immer in Wechselwirkung mit gesellschaftlichen Realitäten – hier sind Kenntnisse aus Geschichte und Politikwissenschaft gefragt. Die Liste ließe sich noch beliebig weiterführen: Gemeinsamer Nenner aller thematischen Möglichkeiten des Faches ist die Schulung kritischen und präzisen Denkens auf der einen, der Beitrag zur Selbsterkenntnis auf der anderen Seite und damit einhergehend – wiederum in Anlehnung an Sokrates – zur Lebensqualität.

Text: Fachbereich Ethik / Philosophie (Schuljahr 2017/18)