Ehemals Obdachloser zeigt sein Berlin

Am Donnerstag, den 14. März 2019, versammelte sich die Klasse 10c anlässlich des Wandertags am Zoologischen Garten, um dort einen ehemaligen Obdachlosen zu treffen.

Sein Name war Dieter und mit ihm gemeinsam sollten wir die nächsten zwei Stunden einige der wichtigsten Orte besichtigen, die er in seiner Zeit als Obdachloser oft besucht hatte. So erfuhren wir von den Gefahren und dem Leben auf der Straße.
Er führte uns vom Zoologischen Garten zum Steinplatz und von dort zum Savignyplatz und zeigte uns, wie er dort drei Monate lebte, schlief und die Zeit überstand.

Während der zweistündigen Tour haben wir viel über das Leben in Armut und vor allem über das Leben eines Obdachlosen gelernt. Er erzählte uns von den Leuten, die für ihn wie eine Familie auf der Straße wurden und mit denen er die meiste Zeit verbrachte. Allerdings mussten wir dann jedoch auch erfahren, dass mittlerweile fast alle seine alten Freunde von der Straße durch verschiedene Umstände verstorben sind.

Als er uns dann die Geschichte seines ,,Robin Hood“ erzählte, waren wir alle ziemlich erstaunt. Denn einer seiner Freunde mit einer Armprothese hatte diese so umfunktioniert, dass er aus den Supermärkten regelmäßig, aber unbemerkt Lebensmittel stehlen konnte. Heute wäre das für ihn keine besonders schöne Tat mehr, doch damals, erzählte er uns, war es etwas Besonderes.

Nach einiger Zeit kamen wir schließlich vor der Bibliothek der Universität der Künste an, vor der eine Art Kunstwerk aus schwarzen Plastikrohren stand. Ob man das als Kunst bezeichnen kann, wusste unser Führer selbst nicht, bloß dass es für ihn ein Wäscheständer war, an den er damals seine frisch gewaschene Wäsche aufhing.

Neben vielen amüsanten und interessanten Geschichten seiner damaligen Zeit, lernten wir auch die vielen traurigen und schlechten Seiten der Obdachlosigkeit kennen: Wie er und seine Freunde von ihrem Stammplatz verscheucht wurden, wie seine Freunde verstarben, wie Bänke umgebaut wurden und heute immer noch werden, damit Obdachlose von Parks ferngehalten werden und wie schwer der unter einer Parkbank verbaute Beton einem Obdachlosen das Leben machen kann.

Und auch Dieters Geschichte, wie es dazu kam, dass er obdachlos wurde, hat uns ziemlich berührt und wir alle haben wahrscheinlich wenigstens einmal kurz das Leben, das wir gerade führen, wertgeschätzt.
Der Wandertag war der wahrscheinlich kälteste, aber amüsanteste und lehrreichste Wandertag seit langem. Wir durften von den schweren Schicksalsschlägen eines ehemals Obdachlosen erfahren und auch, wie er sein Leben Stück für Stück wieder aufgebaut hat.
Zwar sind Obdachlose in Berlin kein neues Thema für uns, doch wie das wahre Leben der Obdachlosen wirklich ist und wie schlecht sie teilweise vom Staat und von den Menschen behandelt werden, war für uns alle etwas ganz Neues.

Wie man solch eine Tour mit einem ehemaligen Obdachlosen durch Berlin machen kann, findet man auf der Website von querstadtein e.V.

Text: Nazar Sarikaya und Ediz Yahlier, 10c (Schuljahr 2018/19)